Weiß leuchten die Tücher, die sich die Äthiopier um den Körper geschlungen haben. Weiß tragen sie an hohen Feiertagen. Heute ist einer davon. In der evangelisch-lutherischen Kirche Sankt Lukas begeht die äthiopisch-orthodoxe Gemeinde Heilige Dreifaltigkeit zwei Jubiläen: ihr 15-jähriges Bestehen und die Einweihung des Tabots, die nun fünf Jahre her ist.
«Tabot ist die Nachbildung der Bundeslade», erklärte der Pfarrer der Gemeinde, Dawit K. Tessega, am Rande der Feierlichkeiten, die sich über den ganzen Tag erstrecken. «Die Bundeslade enthielt die Steintafeln mit den Zehn Geboten, die Moses von Gott erhielt.»
Der Pfarrer ist aufgeregt an diesem großen Tag: Der Erzpriester Merawi Tebege, Dekan der äthiopisch-orthodoxen Kirche in Deutschland, und Abgesandte des orientalischen Instituts der Universität Eichstätt-Ingolstadt sind extra angereist. An dieser Universität hatte Tessega Theologie studiert, bevor er die Gemeinde in Nürnberg übernahm.
Die Festlichkeiten der äthiopisch-orthodoxen Kirche, die zur altorientalischen Familie gehört, wirken für Europäer ungewöhnlich: Mehrstündige Liturgien – einige davon sind Gospellesungen, andere Wortgottesdienste mit Abendmahl.
Die Gemeinde ist für viele in Nürnberg lebende Äthiopier ein Stück Heimat mitten im unterkühlten Deutschland. «Wir haben rund 600 Mitglieder», erklärt Pfarrer Tessega. «Die meisten kommen aus Äthiopien, aber einige haben deutsche Ehepartner, die auch am Gemeindeleben teilnehmen.» Zehn Jahre lang existierte die Gemeinde nur als Sonntagsschule, bevor sie offiziell gegründet wurde. Seit dem 12. Juli 1993 werden Taufen, Hochzeiten und Firmungen gefeiert.
Mengistu ist eine der Frauen in der Gemeinde. Die 37-jährige Äthiopierin kam vor 13 Jahren nach Deutschland, vor zehn Jahren fand sie zur Gemeinde Heilige Dreifaltigkeit. «Es ist wichtig, hier im Ausland eine Gemeinschaft zu haben, man fühlt ein Stück Heimat. Hier können wir über unser Land und Gottes Nähe sprechen», sagt sie. «Ich bin aus Äthiopien weggegangen, weil die damalige Regierung Milliarden nur für Kriege ausgegeben hat und es keine Demokratie gab.» Fasil kommt ebenfalls aus dem nordostafrikanischen Staat. Der 36-Jährige ist seit elf Jahren in der Gemeinde, er singt im Gospelchor und wartet gerade auf seinen großen Auftritt. «Für mich ist die Kirche ganz wichtig. Sie ist wie eine Familie», sagt er. «Hier finde ich Kontakt zu Landsleuten.» Für seine Gemeinde hat er einen großen Wunsch: Ein eigenes Kirchengebäude.
Eigenes Gotteshaus ist der größte Wunsch
Das ist es, wonach sich viele hier sehnen, auch der Pfarrer. Seitdem die Gemeinde existiert, ist sie darauf angewiesen, dass andere Kirchen ihnen die Türen öffnen. Das Nomadenleben hat Folgen: Die Sonntagsgottesdienste werden in der kleinen Kapelle Sankt Kunigund gefeiert, für den feierlichen Gottesdienst zum 15-Jährigen stellte Sankt Lukas ihre Räume zur Verfügung. «Wir sind sehr dankbar dafür», betont Tessega.
Für die Gläubigen heißt es vor allem: Früh aufstehen, um zehn müssen die Gemeinderäume wieder leer sein. So beginnt auch dieser Sonntag schon um zwei Uhr morgens mit einem Festgottesdienst, um fünf Uhr wird die Pontifikal-Liturgie im äthiopischen Ritus gefeiert. Es gibt eine Prozession mit dem Tabot, eine äthiopische Kaffeezeremonie und das traditionelle Agape-Brot.
Die Gemeinde steht allen offen, bisher finden sich aber nur wenige Nicht-Äthiopier unter den Mitgliedern. Sie fallen bei dem Festgottesdienst besonders auf. Darunter ist auch Elena. Die gebürtige Weißrussin schaut sich ungeduldig um. Ihre Kinder, zwei Mädchen im Alter von fünf und zehn, stehen kurz vor ihrem Auftritt mit dem Chor. Es fehlt nur noch Adane, ihr Mann. Der 43-Jährige ist Äthiopier. «Für ihn ist die Kirche sehr wichtig, er versucht, jeden Sonntag zum Gottesdienst zu kommen», erzählt Elena. Die 36-Jährige selbst kommt nur zu Festen mit, auch weil sie kein Amharisch versteht. In dieser Sprache werden die regulären Liturgien gehalten. «Unsere Kinder lernen neben Russisch, Deutsch, Englisch auch Amharisch. Sie sind dann immer ganz stolz, wenn sie ein neues Schriftzeichen gelernt haben und zum Beispiel ihren Namen schreiben können.»
Wer die äthiopisch-orthodoxe Gemeinde Heilige Dreifaltigkeit beim Kirchenbau unterstützen möchte, kann sich mit Pfarrer Dawit K. Tessega in Verbindung setzen: 4 39 43 72 oder 0 17 5/7 84 50 49 oder per Mail: dkt2103@yahoo.de 18.7.2008
Claudia Urbasek
Link : http://www.nz-online.de/artikel.asp?art=851940&kat=317